Pubertät intim – vier Mythen zum Thema Sex

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Pubertät intim – vier Mythen zum Thema Sex

Warum Eltern sich in Fragen der Sexualität an ihre Kinder herantasten sollen und was Pornos bei Jugendlichen auslösen.
Text: Claudia Landolt

Nein – da sind sich sowohl Endokrinologen als auch Pädiater einig. Zwar verlagerte sich bei den Mädchen das Alter der ersten Monatsblutung im Laufe der vergangenen 200 Jahre nach vorne. Im 19. Jahrhundert soll die Menstruation erst etwa mit 17 Jahren eingesetzt haben. Die Quellen hierzu sind jedoch umstritten. 1970 gilt dagegen als Durchschnittsalter bereits 12,5 Jahre. Seither hat sich dieses Niveau gehalten. Alles, was innerhalb der Abweichung von 9 bis 15 Jahren liegt, ist normal.

Falsch, Mama und Papa dürfen aufatmen. Jugendlichen sind Vertrauen, Treue und eine Beziehung wichtiger als ein flüchtiges Abenteuer. Auch lassen sie sich zunehmend Zeit für das erste Mal. Eine globale Studie des Magazins Lancet ergab folgendes Bild: Im Vergleich von sieben Industrieländern starten britische Männer am frühesten in ihr Sexualleben – sie sind dann im Durchschnitt 16,5 Jahre alt. Ihre Geschlechtsgenossen aus der Schweiz und Norwegen hingegen warten im Schnitt bis zum Alter von 18,5 Jahren. Mädchen warteten ähnlich lange, schreiben Kaye Wellings und ihre Kollegen von der Londoner Hochschule für Hygiene und Tropenmedizin. Insgesamt erlebten junge Frauen und Männer in Industrieländern das erste Mal in vergleichbarem Alter. Auffällig alt beim ersten Sex seien die jungen Menschen in Schwellenländern. So liegt das Durchschnittsalter beim ersten Mal in Armenien und Kasachstan bei Frauen und Männern bei 20,5 Jahren.

Nein. Nicht Internetpornos, sondern das soziale Umfeld bestimmt, wie Jugendliche Intimität leben. Sozialwissenschaftler sprechen von Lovemaps, die Heranwachsende schon vor der Pubertät bilden. Diese Liebeslandkarten werden von klein auf durch Erfahrungen aus dem nichtsexuellen Bereich geprägt. Zum Beispiel durch Beziehungen zu anderen, wie man sich selbst und den eigenen Körper wahrnimmt oder wie in der Familie miteinander umgegangen wird. Das heisst: Pornos treffen bei Teenagern auf eine vorhandene Struktur des Begehrens. Sie interessieren sich für Videos, die ihrer Lovemap entsprechen. Erregend finden die meisten konventionellen Heterosex. Bei krassen Sachen wie Analsex hört der Spass hingegen auf.

«Das ist ein bedauerlicher Irrtum», sagt die Sexualpädagogin Bernadette Schnider. «Kinder und Jugendliche brauchen einen Türöffner, um Fragen zu stellen.» Eltern sollen sich deshalb an ihre Kinder herantasten und in einer passenden Situation auf das Thema zu sprechen kommen. Auch gelte es zu respektieren, wenn ein Kind sich lieber selber informieren wolle – oder bei heiklen Themen den älteren Bruder fragt. Als Grundsatz empfiehlt sich, sich an den Fragen der Kinder zu orientieren und diese dem Alter des Kindes entsprechend ehrlich zu beantworten. Eltern müssen die natürliche Neugierde ihres Kindes zulassen, das ist die Grundlage für die spätere Einstellung zur Sexualität.

(Dieser Themenbeitrag des Elternmagazin Fritz+Fränzi ist 2016 erschienen. Die Zeitschrift liegt bei allen Standorten der Perspektive Thurgau zum Lesen auf und ist an grösseren Kiosken erhältlich oder kann online bestellt werden: www.fritzundfraenzi.ch > Erschienene Ausgaben)

By |2018-01-23T11:08:24+00:00Mittwoch, 1. Juni 2016|